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Potentielle Literatur

Thema: Illusion

naïve

Es war schwachsinnig von mir, zu glauben, die Beziehung könnte funktionieren. Zumindest länger als die Monate, die sie funktioniert hat, oder besser gesagt, „funktioniert“, denn niemand ist so schnell und bricht ein solches Liebesarrangement auf, bevor es zu Problemen kommt, die es in seiner Funktionalität beeinträchtigen.[*] Es geht eine Zeit des Ärgers voraus, weil sich der andere nicht so verhält, wie man es sich vorstellt. Eine Zeit des Zweifels, des Haderns. Ist die andere Person es wert, sich selbst in seiner Art an allen Ecken und Enden zu beschneiden und zu stutzen, um gefälliger zu sein, besser zusammenzupassen, Kompromisse einhalten zu können? Liebt die andere einen nicht genug, um einen so sein zu lassen, wie man ist, oder um mehr Schritte entgegenzukommen? Kann sie sich nicht zusammenreißen und dieses oder jenes unterlassen? Und erst, wenn man nach Ablauf der Zeit X so gefestigt ist in seinem kritikvollen Blick auf den Partner, dass man der Überzeugung ist, er ändert sich nicht und man selbst will damit nicht mehr zurechtkommen, nimmt der Plan zur Beendigung Gestalt an und wird (vielleicht wieder erst nach Tagen, Wochen oder längeren Zeiträumen) ausgeführt. Oder man steht auf der anderen Seite und merkt, dass es kriselt, fühlt sich aber nicht dazu berufen oder in der Lage, etwas daran zu ändern, wartet auf den Bulldozer, der in der schmalen Seitengasse auf einen zusteuert wie in einem ätzenden Albtraum, in dem die eigenen Füße plötzlich bleischwer sind und man sich nur noch in Zeitlupe fortbewegen kann, während das schwere Gerät erbarmungslos näherkommt, bis man nur noch den Mund aufreißen kann und schreien und aufwachen und strampeln. Und im wachen Zustand entweder weiterschreien oder irgendwann schwer schluckend und scheinbar gleichmütig mit den Achseln zucken, weil man es ja doch geahnt hat.

Nein – wenn man von der schnellen und weisen Sorte Mensch ist, fängt man damit gar nicht erst an.

Aber wenn man jung und naiv ist und das Leben und die anderen einen erst noch desillusionieren müssen, findet man sich eines Freitagabends an einem dieser typischen kleinen Cafétische mit den glitzernden Splittern in schwarzer Platte wieder (weil das coolere, abgefuckte Hipstercafé überfüllt war und man sich endlich irgendwo niederlassen will, weil die Sommersonne einem schon zu lang auf den Kopf geschienen hat und man nach einem kalten Glas Cola lechzt wie ein unterzuckerter Diabetiker. Und zwar noch bevor man an alkoholische Getränke denken kann und den leichten Schwips, der zwischenmenschliche Geschehnisse im Laufe des Abends vereinfacht). Neben dir sitzt das Mädchen, mit dem du die letzten Tage elektronische Nachrichten ausgetauscht hast, ständig zwischen „oh Gott, eine neue Nachricht, bestimmt von ihr, ich muss sie sofort lesen, der klingelnde Imperativ meines Mobiltelefons zwingt mich dazu und wenn ich nicht gleich danach greife, wird der Bildschirm wieder dunkel und ich brauche eine Fingerbewegung mehr, um sie zu lesen“ und „nein, sei doch mal geduldig, kapierst du nicht, wie bedürftig das wirkt, wenn sie sieht, dass du sofort gelesen hast, was sie schreibt, obwohl du dich mit deiner Social-Media-Sucht schon dazu durchgerungen hast, die letzten vier Stunden nicht online zu sein?“.

Nervöses Warten auf den Kellner, gieriges und dann doch wieder beherrschtes Trinken, nervös-amüsiertes Geplänkel, nervöse Gesprächspausen – weil das Funkeln in den Augen der hübschen Dame und das kokette Abwenden ihres Blickes Hinweise darauf sein könnten, dass sie dich gerade genauso gerne einfach küssen möchte wie du sie, weil körperliche Nähe mit den richtigen Menschen nun mal wunderbar ist und sie gerade ein gottverdammter Magnet. Doch vielleicht ist das auch eine Überinterpretation deines gepeinigten, entzückten und ein wenig notgeilen Selbst – aber hätte sie dann tatsächlich die letzten Stunden mit dir anstatt mit ihrem großen Freundeskreis verbracht, der heute sicher irgendwo feiert?

Und du weißt, du findest ihre Grübchen niedlich und die Art, wie sie ihre Nase rümpft, wenn sie nicht weiß, ob sie tatsächlich über deinen Spruch schmunzeln oder ihn irgendwie blöd finden soll, bis du etwas noch Blöderes nachsetzt und sie sich doch nicht davon abhalten kann, loszuprusten. Du weißt, dass du es magst, wie sie beinahe enthusiastisch von ihrem Bürojob erzählen kann, der für dich eigentlich stinklangweilig klingt, aber trotz seines bürokratischen Klischeesalats reizvoll zu sein scheint und dich außerdem an Franz Kafkas Kurzgeschichten erinnert, weshalb er fast schon wieder fatalistisch-romantisch klingt für dein verdrehtes Hirn. Auch, wenn sie in ihrem Überschwang herumgestikuliert und dabei beinahe dein Getränk vom Tisch fegt, findest du sie charmant, denn diese Tollpatschigkeit ist irgendwie süß, vor allem, weil ihre Wangen sich dabei röten. Kurz bringt dich deine Fantasie aus dem Konzept, weil du dir zwangsvorstellen musst, wie du sie vögelst und sie dabei genauso rot wird und sich auf die Unterlippe beißt und außerdem ihre kühlen Arme um dich schlingt, ein Gedanke, den du lieber schnell abschüttelst, bevor sie ihn dir durch übersinnliche Fähigkeiten von der Stirn ablesen kann, du dabei aber nicht nur mental, sondern auch physisch leicht mit dem Kopf schüttelst, was sie dazu bringt, nachzufragen, warum du den Kopf schüttelst.

Du fragst dich, ob du ihre aufmerksame Art magst oder nicht oder vielleicht davon ableiten kannst, dass ihr dieser Abend auch wichtig ist und sie sich mehr versprechen könnte. Auf jeden Fall magst du aber ihre Bodenständigkeit und ihren Optimismus, zwei Eigenschaften, die du schon immer anziehend fandest, genauso wie das exakte Gegenteil, die abgehobenen, vergeistigten Zynischen, die aber im Durchschnitt wesentlich komplizierter sind und der fröhlichen Leichtigkeit entbehren, die die junge Frau neben dir ausstrahlt und schöner aussehen lässt, als sie objektiv betrachtet vielleicht ist. Inwiefern sie vielleicht „ästhetisch durchschnittlich“ ist, darüber willst du nicht nachdenken, vor allem, weil das immer auch eine Konfrontation mit der eigenen Durchschnittlichkeit ist, schließlich kannst du dir nicht ernsthaft vorstellen, dass ein typisches Modelmädchen etwas mit dir anfangen würde. Genauso wenig wie andersherum, weil dich die Oberflächlichkeit eines solchen spätestens ab Minute 55 unterschwellig abstoßen würde.

Und so ergötzt du dich an ihrer Nicht-Abgehobenheit und Frische, stupst sie im Laufe des Abends immer öfter absichtlich-unabsichtlich an (der Alkohol tut sein Übriges), versuchst, ihre Reaktionen darauf zu registrieren, die sie allerdings verschleiert, bis sie sich überraschend an dich anlehnt und kurz darauf ihre Nasenspitze über deine Wange streicht, was erst ungefähr eine Minute später in dein Bewusstsein sickert und du fast zusammenzuckst. Sie wartet still, ob deinerseits eine Reaktion kommt, die sie in ihrer Annäherung ermutigt und bestätigt oder aber ablehnt, und du fragst dich, wie du dein Innerstes nun am Schlauesten andeutest und versuchst es damit, deinen Arm ein wenig um sie zu legen und sie anzuschmunzeln, als sie dir daraufhin wieder ihr Gesicht zuwendet und aus Rehaugen heraufschaut. Es scheint funktioniert zu haben, denn ein Strahlen breitet sich in ihr aus und überträgt sich auf dich, weswegen du sie übermütig auf die Stirn küsst.

Da fängt es an. Ihr verhaltet euch wie ein Pärchen, auch, wenn ihr anfangs vielleicht noch nicht sicher seid, ob ihr nun „zusammen“ seid oder nicht, aber ihr macht euch selbst zum Paar, indem ihr Klischees erfüllt, oder eure Umwelt macht euch zu einem Paar und ihr nehmt es an, weil gerade alles so lieblich ist wie zu süßer Wein, der Nachts um zwei Uhr trotzdem irgendwie geil schmeckt. Die Hormone und Neurotransmitter tanzen euch in Unmengen durch den Körper und machen euch komplett gaga, euphorisieren euch, lassen euch in den eigenartigsten und oft unpassendsten Situationen urplötzlich losgrinsen, lenken euch ab und vernebeln jeden klaren Gedanken. Und das alles nur, weil man den anderen Menschen attraktiv findet, ein paar Dinge im Leben ähnlich sieht und gemeinsam hat, sich dann herausstellt, dass die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht und auf einmal das verrückteste Feuerwerk chemischer Reaktionen abgeht, das manche in ihrem Leben erfahren.

Auch, wenn es tödlich deprimierend ist, ist es klar, dass so ein Zustand nicht ewig anhalten kann, sonst wäre unsere Art vermutlich längst ausgestorben. Die Tollpatschigkeit deiner Partnerin oder ihr ständiges Entschuldigen für selbige beschert dir vielleicht erst ein verklärtes Lächeln, das mit der Zeit immer blasser wird, dann geht es dir irgendwann auf die Nerven, sodass du dich zurückhalten musst, ihr zu sagen, dass du ihre Lebensfähigkeit in Zweifel ziehst, oder es bricht doch in aggressivem Tonfall aus dir heraus und verursacht den ersten Streit. Du wirst es leid, die Abende neben ihr vor dem Fernseher zu verbringen, weil sie sich nach der Arbeit nur noch „berieseln“ lassen will und über sogenannte Witze von Stand-up-Comedians lacht, deren Penetranz und Banalität in dir die Magensäure hochkommen lassen, während sie bei deinen blöden Witzen, die sie vor einer Weile lustig fand, nur noch genervt mit dem Kopf schüttelt. Überhaupt, ihre bescheuerte Arbeit, von der sie immer erzählen will, damit ihr etwas zum Reden habt, der du aber immer noch nichts abgewinnen kannst, nicht einmal, wenn sie ein wenig über ihren beschränkten Chef herzieht. Du musst dich zusammenreißen, hin und wieder ein „hm“, „oh“ oder „ach so?“ einzustreuen, damit sie nicht den ganzen Abend lang sauer auf dich ist, weil du dich nicht für sie interessierst, sondern „immer nur auf dich fixiert bist“. Dabei versuchst du ja, neue Themen aufzubringen, über die ihr euch unterhalten könntet, oder gemeinsame Aktivitäten, auf deren Bezug zu ihren Interessen und deren Originalität du stolz warst, bis sie sie mit einer abwinkenden Geste in den Papierkorb befördert, weil sie sich schon wieder so gestresst fühlt, stattdessen ein Treffen mit „ihren Mädels“ anberaumt hat oder sich eigentlich gar nicht dafür interessiert.

Dieser Beziehungsalltag ödet dich an und frisst Nervenressourcen, in deren Besitz du noch wärst, wenn du dich nicht auf diesen Menschen eingelassen hättest, wie du annimmst. Du schiebst solche negativen Gedanken manchmal zur Seite, weil es zwischendurch doch noch schöne Stunden gibt und du dir sicher bist, dass du das vermissen würdest, wenn du in keiner Beziehung wärst. Aber du ertappst dich dabei, wie du Aussprachen unter euch nicht initiierst, weil du weißt, dass sie nirgendwohin führen würden. Wie du über ihre langweilige, gesellschaftlich anerkannte, „normale“ Lebensweise die Augen verdrehst, über ihre bescheuerte Freude über eine sinnlose Ergänzung in ihrem Job, über ihren doofen Blick und sogar über ihre süßen Grübchen, die sie einfältiger aussehen lassen, als sie eigentlich ist.

Vielleicht gewöhnt sich der Körper an den von einer Person hervorgerufenen Enthusiasmus. Das verliebte Feuerwerk der körpereigenen Drogen flaut ab. Man hört noch hin und wieder ein entferntes Knallen wie eine Stunde nach Silvester; aber nur, weil man zu Mitternacht jemanden hatte, den man auf die Lippen küssen konnte, heißt das nicht, dass man glücklich ist. Wann die Chemiecocktailparty im Hirn abklingt, weiß keiner. Oder warum man dann bei anderen Personen wieder auf die gleiche Weise verrückt wird, nur, weil sich der Auslöser verändert hat. Wer denkt sich bitte so eine Scheiße aus? Das gleiche Theater, bloß, weil wir an jemand anderem ein paar Gemeinsamkeiten und hübsche Augen/Frisuren/sekundäre Geschlechtsmerkmale entdeckt haben. Die unseres Partners – oder bereits Ex-Partners – scheinen wir vergessen oder schlechtgeredet zu haben. Schon wieder gibt es einen Riesenaufstand im Körper, als wären wir erleuchtet worden oder als hätte sich uns ein Naturgesetz erschlossen, der vierte thermodynamische Hauptsatz vielleicht.

Aber so großartig und zauberhaft, wie uns das Verliebtsein die Welt sehen lässt, ist es nicht. Es lässt Naivlinge von einem Menschen zum nächsten eilen, je nachdem, wer uns gerade mehr anzieht, als wären wir nektarsammelnde Insekten, doch wir sammeln keine süße Götterspeise, nein, nicht mal sonderlich erhellende Erfahrungen, schließlich fliegen wir ja weiter auf die nächstbeste Person, ohne viel von unserem Verhalten zu reflektieren. Es macht ja schließlich auch Spaß, zwischendurch. Nur besonders weise ist es nicht.

[*] Abgesehen davon ist es eigentlich genauso dämlich, vom „Funktionieren“ zu sprechen, solange es nicht um ein Küchengerät geht, sondern um zwischenmenschliche Beziehungen. Denn die funktionieren nie so, wie man es will. Meist nicht einmal in der ersten Woche.

 

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