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Ersetzbarkeit

12 Dez

Vor ein paar Tagen fiel mir etwas auf, das mich zum Grübeln brachte: Das Posting einer Bekannten mitsamt der zugehörigen Kommentare auf, in denen sie sich darüber freute, mit dem Umzug in eine bestimmte Stadt die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dabei fielen folgende Punkte:

  • die Lebensqualität sei auch laut einem deutschen Städteranking auf Platz eins
  • im Vergleich zu ihrem vorigen Wohnort, Wien, vermisse sie nichts – abgesehen von der einen oder anderen Freundin
  • ohne ihren jetzigen Freund würde sie ohnehin nirgendwo anders wohnen wollen

Einerseits bin ich natürlich froh, dass es ihr dort und in ihrer jetzigen Situation offenbar gut geht. Andererseits hinterließen die Aussagen einen mulmigen, widersprüchlichen Eindruck bei mir. Das hatte wiederum mit mehreren Sachverhalten zu tun, vor allem aber mit der in mein Bewusstsein gerufenen Tatsache: Jeder ist ersetzbar.

Am Offensichtlichsten, weil ich mit ihrem Exfreund hier in Wien gut befreundet bin und vermutlich mal er für sie derjenige war, ohne den sie sich nichts vorstellen konnte – und nun ist es ein anderer, nach dem sie sich ausrichtet wie eine Sonnenblume und ohne den sie nirgendwo lieber wohnen würde. So erging es mir auch schon mit meinen Exfreunden. Und in vielen neuen Beziehungen erliegt man wohl oft der Illusion, das würde für immer halten, weswegen man sich am Partner, gemeinsamen Zielen und Möglichkeiten orientiert. (Ist ja offensichtlich, sonst würde man wohl nicht in einer Beziehung stecken.) An sich ist es ja auch nicht schlecht, mit jemandem gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Aber doch steckt da für mich ein sehr eigentümlicher Aspekt dahinter. Nicht wirklich ‚verlogen‘, aber doch irgendwie ’sich selbst nicht treu‘, wenn man sich zuerst – vielleicht Kompromisse eingehend – am anderen orientiert und dann dem anderen nicht mehr ‚treu‘ ist beziehungsweise dem angenommenen Bei-ihm-Bleiben (ich bleibe mal bei der männlichen Form, weil das akut der Fall ist, gilt aber natürlich auch für Männer in Beziehungen mit Frauen), weil die Beziehung in die Brüche geht.

Dann musste ich mich wieder selbst dazu erinnern, dass man sich ja wohl kaum dafür verurteilen kann, wie man in einer früheren, anders gearteten Situation entschieden hat. Vor allem nicht, wenn doch viel Positives dabei herausgekommen ist. Doch stört mich immer noch der Zwist zwischen der Abhängigkeit von einem bestimmten Partner und der Tatsache, dass er doch so einfach von anderen ersetzt werden könne. Dass man nach einem Beziehungsende feststellt, dass jemand, mit dem man sich den Rest des Lebens ausgemalt hat, gar nicht so besonders ist. Hat man sich das eingebildet? Warum kann einem das Besondere in jedem Menschen nur so schnell abhanden kommen, wenn man sich voneinander fortbewegt? Ist das nicht total ätzend? Wieder widerspricht man sich selbst und einem früheren Ich, und es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass man damals in anderen Zusammenhängen gelebt hat, mit anderem Wissen, Präferenzen, Wichtigkeiten.

Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als das Leben so zu leben, wie es gerade ist und es uns richtig erscheint. (Ein generelles ‚richtig‘ und ‚falsch‘ gibt es ohnehin nicht. Vielleicht etwas, das besser oder schlechter hätte stattfinden oder ausgehen können. Aber mit Gewissheit kann man das rückblickend sowieso nicht sagen.) Wir müssen nur darauf achten, nicht so sehr auf andere einzugehen, dass wir selbst dahinter zurückbleiben und in eine permanent unzufrieden machende Situation kommen, obwohl wir es lieber anders hätten und es möglich wäre. (Zumindest, wenn man generell die Fähigkeit besitzt, in gewissem Maße zufrieden sein zu können.)

Wir kommen mit vielen Dingen klar – einem anderen Umfeld, anderen Partnern, anderen Freunden. Der eingangs erwähnte Beitrag lässt die etwas überspitzte Interpretationsmöglichkeit zu: Die eine oder andere Freundin fehlt auch ein bisschen, aber es geht eben ohne; Freundschaften verlaufen manchmal einfach im Sand, besonders, wenn die Nähe fehlt (muss nicht mal örtliche Nähe sein) und man Prioritäten setzen muss. Und das tun wir permanent, je nachdem, wie wir unseren Alltag gestalten und Zeit aufteilen. Manchmal müssen wir uns nur wieder dessen bewusst werden und umstrukturieren, wenn wir etwas anders haben wollen.

Für mich hab ich festgestellt: Ich könnte sicherlich auch woanders leben. Aber Wien ist attraktiv und hat sich auch gefühlsmäßig an mich herangepirscht, sodass ich wirklich gern länger hier bleiben würde, wenn ich die Möglichkeit habe. (Auch ein bisschen, um fair zu sein und auszugleichen, dass ich hier studieren darf. Falls ich mal so viel Geld verdiene, dass ich dafür auch Steuern zahle…) Freunde findet man vermutlich überall, aber gute Freunde, mit denen man auf einer Wellenlänge ist, mal gefunden zu haben, ist auch etwas wert und da bin ich hier und derzeit recht zufrieden. Und ein bisschen in Partnerlosigkeit (zumindest ohne sich-aufeinander-Ausrichten) kann ich mich auch mal üben.

Falls das jetzt alles klingt, als wäre das eh schon klar gewesen – Entschuldigung. Aber vielleicht hat der/die/… eine oder andere ja einen kleinen Anstoß davon bekommen. :]

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Verfasst von - 12. Dezember 2013 in Alltag, Freunde, Wien

 

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