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A Glorious Contingency

21 Feb

Rekonstruktion in rundem GlaskastenIst dies ein Hologramm?

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Ich habe mich riesig gefreut, als ich erfuhr, dass eine neue anthropologische Ausstellung in zwei Sälen des Naturhistorischen Museums Ende Januar eröffnet wurde. Seit 1996 bzw. ’99 waren diese geschlossen, da die öffentliche Kritik an der bis dahin bestehenden Ausstellung wuchs – im sogenannten ‚Rassensaal‘ wurden zweifelhafte Inhalte über heutige menschliche ‚Rassen‘ dargestellt. (Dabei habe ich mich gefragt, ob es in dieser Zeitspanne (der Teil war seit 1978 geöffnet) in Deutschland überhaupt möglich gewesen wäre, eine solche Exhibition über einen so langen Zeitraum zu führen – Österreich wirkt in vielen Punkten weniger kritisch gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit.) Heutzutage wird die Einteilung des modernen Menschen in Rassen zumindest in wissenschaftlichen Kreisen größtenteils als obsolet angesehen.

Im Vergleich dazu ist die jetzige Ausstellung, die den Titel ‚Mensch(en) werden‘ trägt, höchst modern, differenziert und erfrischend. (Und das in altehrwürdigen Sälen mit Stuck(-skulpturen) und Gemälden.) Kommt man aus den vorangehenden Sälen voller alter Holzvitrinen, in denen hunderte Relikte frühgeschichtlicher Gefäße und ähnliches aufbewahrt werden, wird man begrüßt von neumodischen, erleuchteten Schautafeln und Flachbildschirmen, einer Vielzahl von Rekonstruktionen (hauptsächlich von Schädelknochen) und einer künstlerischen Neandertaler-Nachbildung, die mit dem Speer auf einen zielt… (Derartige Nachbildungen sind übrigens mit Vorsicht zu genießen, da die relevantesten Merkmale, nach denen wir ein Gegenüber bewerten, besonders von Haut und Fettgewebe dargestellt/ gebildet werden (Stichpunkt Körperbehaarung!), welche sich kaum aus Knochenfunden rekonstruieren lassen.)

Eine Ecke der Ausstellung

Sowohl Kinder als auch Erwachsene, ob mit fachlichem Hintergrundwissen oder ohne, können der Ausstellung bei Interesse viel abgewinnen. Ich habe allein eineinhalb Stunden in diesen beiden Sälen verbracht und längst nicht jeden Text gelesen – typische Besucher des Naturhistorischen Museums, die sich auch die vielen anderen Bereiche besehen wollen, werden sich eben nach dem, was für sie spannend klingt, informieren (was übrigens auch in einer Sitzecke mit eingebauten Bildschirmen geht, zum Ausruhen und gleichzeitigen Weitergucken und -lesen – finde ich persönlich sehr toll). Oder auch wenig textbezogen zwischen Tafeln und Tischen umherwandeln und den Sprösslingen, die man halb zum Museumsbesuch gezwungen hat, über die Schulter sehen, während diese sich mit einer digitalen Spielerei beispielsweise in einen Australopithecus verwandeln. Man kann über die Rekonstruktion der in vulkanischer Asche konservierten Fußabdrücke von Laetoli (Hinweis auf den aufrechten Gang), in den Boden eingelassen, stolzieren, die diversen Schädelformen von Hominiden anhand von Hologrammen (oder so ähnlich) vergleichen und an Nachbildungen zum Anfassen ‚begreifen‘, auf einem der vielen (Touch-)Screens über die letzten wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse lesen und sich selbst am virtuellen CSI-Tisch an anthropologischen Methoden zur Analyse eines Skeletts versuchen, um Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, Krankheiten und Todesursache herauszufinden (nicht nur als Kind *hust* Das war toll, und das mit den Pathologien hatte ich kurz vorher ja schon in einer Uni-Übung an echten Knochen).

CSI-Tisch

Ein paar Denkanstöße in Form von Zitaten sind hier und da auch angebracht, wie dieses:

We are a fluke of nature, a quirk of evolution, a glorious contingency.

/ Wir sind ein Glückstreffer der Natur, eine Laune der Evolution, eine glanzvolle Zufälligkeit.

– Michael Shermer*

[* US-amerikanischer Wissenschaftshistoriker und -journalist; Kritiker des Kreationismus (Autor eines Buches namens ‚Why People Believe Weird Things‘) und der ‚Holocaust-Leugnerszene‘.]

Diese Worte sind positiv, anthroposophisch gefärbt, wirken wahrscheinlich sogar provokant auf manche, die den Menschen gerne als bösartigen, zerstörerischen Tumor der Erde sehen. Kurz bevor ich die Ausstellungsräume betrat, kam mir eine Klasse jüngerer Schüler (?) entgegen, von denen ein Kind enthusiastisch ausrief: „Scheiß Menschen, ey. Wozu braucht man die?!“ (Und kam sich dabei sicher wahnsinnig kritisch-philosophisch vor.) Als säße irgendwo ein bärtiger Mann und hätte sich überlegt: ‚Hmm, was brauchen wir denn noch auf der Welt?‘ Nee nee, Junge, so funktioniert Evolution nicht. (Außer, wir rechnen mit dem einen oder anderen Witz eines alten Herrn. Zitat aus dem Film ‚Dogma‘: „Gott hat Humor, man muss sich nur das Schnabeltier ansehen.“)

Die Neugestaltung der Räume erfolgte in den letzten Jahren unter der Leitung der Kuratorin Maria Teschler-Nicola, die auch einige Vorlesungen und Übungen an meiner Uni, in meinem Schwerpunkt veranstaltet. Für diese und andere Aufgaben war aufgrund der Vorbereitungen in den vergangenen beiden Jahren und speziell in den letzten Monaten kaum Zeit. Jetzt ist sie verständlicherweise entsprechend froh, dass alles erst einmal steht (und die Technik großteils funktioniert). „Die Resonanz von der Presse ist gut, wir haben viele Besucher – ich bin zufrieden“, befand sie während meiner Runde durch die beiden Räume.

Laetoli in WienDamals – in den ersten beiden Wochen der Ausstellung – gab es außerdem in einem weiteren Saal einige echte Fundstücke als Leihgaben zu sehen. Für diese paar Knochen in kleinen Vitrinen ohne modernes Brimborium drumherum hat sich dann kaum jemand interessiert (während ich mir dachte: ‚Yeah, Homo-sapiens-Schädel aus Qafzeh, dazu musste ich irgendwas für die Hominidenevo-Prüfung lernen! Echt(e) alte Knochen!‘). Dies resümiert auch ganz gut meinen Gesamteindruck: Ich fand es schade, kaum Originalfundstücke zu Gesicht zu bekommen. Aber für den Großteil des übrigen Publikums ist das wohl kein so wichtiger Punkt, solange man ordentlich aussehende Rekonstruktionen, die man teils sogar anfassen kann, und viele interessante Multimedia-Erlebnisse hat.

Und als ich irgendwann fasziniert mitten in der Ausstellung stand und strahlte, wurde ich sentimental und hatte fast Tränen in den Augen. Da war sie überall, ‚meine Anthropologie‘, in der ich mich mittlerweile einigermaßen auskenne und kaum an meiner Begeisterung dafür eingebüßt, nein, stattdessen in verschiedensten Facetten eine neue dazugewonnen habe. Mein allerliebstes Fachgebiet, toll aufbereitet – sodass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Funke auch auf den einen oder anderen Besucher überspringen wird. (:

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Naturhistorisches Museum WienDas Naturhistorische Museum ist auch sonst empfehlenswert – direkt gegenüber dem Kunsthistorischen Museum, den Maria-Theresien-Platz umsäumend; Eintritt unter 19 Jahren frei, als Student, Lehrling, Zivi oder Soldat bis 27 Jahren 5 € (für das riesige Angebot mit sich wild herumbewegenden Dinosauriern (!) mMn wenig), als (sonstiger) Erwachsener 10 €; Dienstag geschlossen. Zwischen 13. März und 11. August 2013 gibt es zusätzlich und mit Aufpreis Gunther von Hagens’ KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens zu sehen.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 21. Februar 2013 in Biologie, Foto, Kultur, Studium, Wien

 

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Eine Antwort zu “A Glorious Contingency

  1. lucyrenard

    24. Februar 2013 at 13:11

    Also, das klang jetzt sehr interessant und motivierend! Muss mir mal anschauen. Danke für den Tipp!

     

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