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Frühling, Teil 5

07 Apr

Quentin und ich hatten uns wie so oft mittwochabends in die Bibliothek gesetzt, um neben- und miteinander zu lernen. Er studierte einen Wälzer, mithilfe dessen er seinen Aufsatz für Verteidigung gegen die dunklen Künste schrieb, und ich bereitete mich auf die nächsten Wochen Kräuterkunde vor, indem ich in einem allgemeinen Werk etwas über die Pflanzen las, die für das Jahr noch auf dem Lehrplan standen. »Hmm, müssen wir dann selbst mit fangzähnigen Geranien arbeiten?«, wollte ich zwischendurch von Quentin wissen und blickte von meiner Lektüre auf.

»Kann schon sein. Ich weiß es nicht mehr genau, aber zumindest in den ZAG-Prüfungen mussten wir was mit denen machen«, kam nach ein paar Augenblicken die Antwort.

Ich nickte und ließ meinen Blick ein wenig schweifen – Kräuterkunde gehörte nicht zu meinen Lieblingsfächern, aber solange es um stillhaltende Pflanzen ging, kam ich ganz gut klar. Deshalb beunruhigte mich jede Aussicht auf kratzendes, beißendes und flüchtendes Grünzeug. Wie viel hatten meine Drachenlederhandschuhe schon von mir abgehalten! Ich hatte ihnen wirklich etwas zu verdanken. Vielleicht sollte ich sie nach Ende meiner Schullaufbahn eingerahmt aufhängen, als Dank dafür, dass ich noch all meine Finger hatte … falls ich sie dann tatsächlich noch alle haben sollte.

Mitten in diesen Gedankengang spazierte der um die Ecke kommende Regulus. Ich bemerkte ihn zuerst und beobachtete ihn, wie er konzentriert die Regale abschritt, auf der Suche nach einem bestimmten Buch. Als er innehielt und einen schmalen Band herauszog, um ihn zu durchblättern, hob er kurz den Blick und sah zu uns herüber. Ich winkte ihm zu und nahm meine Tasche von einem der anderen Stühle an unserem Tisch, um ihn ihm anzubieten, und er kam näher. »Hi«, begrüßte er auch Quentin, welcher nur kurz nickend von seinem Aufsatz aufsah, dem er gerade einen Satz hinzufügte. »Ich störe euch nicht beim Lernen?«

Ich schüttelte demonstrativ den Kopf. »Lese gerade ein bisschen in den Pflanzen, die wir vor den ZAGs noch durchnehmen müssen. Freu‘ dich schon auf fleischfressende Geranien.«
»Fangzähnige«, korrigierte Quentin. »Sie ernähren sich gar nicht wirklich von Fleisch.«

»Ach«, winkte ich ab, »ich bin auch fleischfressend, obwohl ich nicht ein Steak nach dem anderen verdrücke.«

Regulus schmunzelte, aber mein Ravenclawfreund zeigte sich unnachgiebig: »Black hat bei der Prüfung Punktabzug bekommen, weil er das falsch bezeichnet hat. Also, Sirius, nicht du natürlich«, in Regulus‘ Richtung. Dieser nickte vage. »Der Idiot war bei so etwas noch nie besonders korrekt.«

Quentin huschte kurz ein Lächeln über die Lippen. Ja, der Einwand dürfte ihm gefallen haben, und ich hatte auch nichts dagegen, wenn sich der Slytherin bei ihm beliebter machte, aber Sirius Black als einen Idioten zu bezeichnen, behagte mir immer noch nicht, und so murmelte ich »Jaja«, um die Aussage zu relativieren und ihren Inhalt wie eine Fußspur im Sand grob zu verwischen.

»Und was lernst du?«, fragte Regulus daraufhin interessiert Quentin.

»Ach, es geht um verschiedene schwarzmagische Artefakte und wie man sich vor ihnen schützen kann.«

Der Slytherin setzte sich etwas aufrechter hin und spähte auf das Buch, das Quentin als Quelle verwendete. »Haufenweise komplizierte Beschwörungen für verschiedene Arten von Gegenständen, hm?«, fasste er nach einem Blick auf die aufgeschlagene Doppelseite zusammen. »Dabei ist es eigentlich relativ simpel, stattdessen ein Paar mit allgemeinen Formeln präparierte Handschuhe zu verwenden.«

Das Gespräch zog nun auch meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich dachte an meine Drachenlederhandschuhe, mit denen in diesem Fall wohl nicht viel anzufangen wäre.

Quentin blinzelte Regulus irritiert an. »Ich glaube nicht, dass es Ziel des Aufsatzes ist, zur Folge zu kommen, dass eigentlich nur ein Paar spezieller Handschuhe nötig ist. Das wäre, als würde man in jeden Gegengiftaufsatz schreiben: ‚Das ist aber eigentlich alles egal, man kann dem Opfer auch einfach einen Bezoar in den Hals stopfen.’«

»Das würde Slughorn bestimmt amüsieren, und er würde dir trotzdem eine gute Note geben«, gluckste ich.

»Naja, es sind die praktischeren Lösungen, die uns später im Alltag am meisten helfen«, ergänzte Regulus.

»Und du hast wohl so viel Praxiserfahrung mit schwarzmagischen Gegenständen und den passenden Handschuhen?«, zeigte sich Quentin mittlerweile deutlicher genervt gegenüber dem Slytherin, der immerhin zwei Stufen unter ihm war und sich dafür fast etwas überheblich aufspielte.

Dieser sagte jedoch nichts mehr. Bei genauerem Hinsehen konnte ich erkennen, wie er sich von innen auf die Wange biss. Und während Quentin das Schweigen als Rückzieher interpretierte und sich mit einem Kopfschütteln und hochgezogener Augenbraue wieder seinem Text widmete, ahnte ich, dass Regulus tatsächlich ein wenig mit schwarzer Magie zu tun haben könnte. Manchen altehrwürdigen Familien sagte man solche Interessen nach, und die Blacks würden möglicherweise in dieses Schema passten, selbst, wenn sich meine Mutmaßung auch auf Vorurteile gegenüber Slytherins stützte. Ja, sogar der Nachname würde gut zu schwarzmagischen Machenschaften passen. Ich sagte jedoch nichts und wechselte das Thema: »Apropos Slughorn, warst du in der Stunde dabei, als dieses arme Gryffindormädchen ihre halbe Bankreihe in die Luft gejagt hat?«

Regulus nickte und schien offensichtlich nicht zu wissen, ob er bei diesem Thema ernst bleiben oder grinsen sollte. »Ich saß eine Reihe weiter, und es hat einen gewaltigen Schlag getan. Ich konnte meinen Kessel nur mit Mühe davon abhalten, vom Tisch zu fallen. Was mir eine kleine Verbrennung eingebracht hat, aber die Gryffindor – Mila Jefferson – hat es natürlich ärger erwischt. Ihre Haare haben Feuer gefangen, und nachdem Slughorn durch das Klassenzimmer gerannt und ihr einen Kübel Froschlaich über den Kopf geschüttet hat, waren sie nur noch schulterlang.« Ich machte ein betroffenes Gesicht, konnte mir aber das Kichern über die Vorstellung einer überfroschlaichten eitlen Gryffindorschnepfe nicht verkneifen. Regulus verkniff sich wiederum nicht die genauere Ausführung ihrer entrüsteten Reaktion. Zugegeben, es war nicht Slughorns eleganteste Maßnahme, ihr den Kübel überzukippen, aber immer noch besser, als ihre Haare ganz loszuwerden, mal abgesehen von schwerwiegenderen Verbrennungen.

»Sie hat den Professor angekreischt, das war wirklich schmerzhaft in den Ohren«, fütterte Regulus mein Amüsement weiter und berichtete, dass sie wegen weiterem Demolieren und Umkippen der umstehenden Kessel und Zutatenbehältnisse auch noch eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen hatte, zynischerweise einen Aufsatz über die Vorteile von kurzem Haar beim Zubereiten von Zaubertränken. Ich hielt mir den Bauch vor Lachen, warf aber bereits einen Blick zu Quentin, der sich nicht eingemischt und stattdessen versucht hatte, weiterzuarbeiten.

Schon kam die Schelte: »Könnt ihr vielleicht woanders lustige Geschichten austauschen? Ich lerne hier, falls ihr es vergessen habt, für die UTZ.«

»Ach, komm‘ schon, fandest du es etwa nicht witzig?«, fragte ich ihn und wollte ihn leicht in den Arm kneifen, während Regulus seine abgelegte Tasche bereits wieder schulterte und das zuvor ausgesuchte Heft vom Tisch an sich nahm. Quentin zog seinen Arm zurück, bevor ich ihn auch nur berühren konnte, und bedachte mich mit einem verletzten Blick.

»Okay, dann lassen wir dich eben in Ruhe«, resignierte ich, packte meinen eigenen Krempel zusammen, hakte mich bei Regulus unter und verschwand mit ihm aus der Bibliothek an einen spaßkompatibleren Ort.

Die Gesellschaft von Regulus erwies sich immer mehr als äußerst angenehm. Vom mürrischen, bruderneidischen Slytherin wandelte sich mein Bild von ihm wie eine Fotografie im Entwicklungsbad zu dem eines nachdenklichen, gewitzten Freundes, mit dem ich wie auch mit Quentin meine Eindrücke und Gedanken teilen konnte. Mit Regulus‘ merkwürdigen, grobschlächtigen Bekannten und Hausgenossen hatte ich dabei wenig zu tun – wir trafen uns meist, besonders nach Quentins nicht allzu angetanem Gebaren, ohne weitere Gesprächspartner. Es kam mir auch vor, als wäre dem Slytherin meine Anwesenheit lieber als die seiner anderen Freunde – als wären wir viel eher auf einer Wellenlänge. Und ich freute mich darüber. Wer ist schon ungern mit einem klugen, vornehm-charmanten und noch dazu ziemlich gut aussehenden Kerl befreundet?

Zugegebenermaßen war das aber nicht alles. Ich merkte, wie mir Regulus anders als Quentin ans Herz wuchs. Wie ich immer mehr meiner Zeit mit ihm verbringen wollte, bisweilen das Bedürfnis hatte, eng neben ihm zu sitzen und sogar eifersüchtig auf andere Mädchen wurde, mit denen er ein Wort wechselte (nicht, dass es unzählige Verehrerinnen gegeben hätte).

Was ich dabei nicht mitbekam, war eine andere Eifersucht, nämlich die Quentins. Ich übersah weitere ihrer winzigen Zeichen, oder setzte sie zumindest in den falschen Kontext, diese Stimmungsumschwünge, sobald Regulus auftauchte, die ungerechtfertigt giftigen Kommentare dem Slytherin und mir gegenüber … Und er war immerhin auch nicht der Kerl für offene Problemgespräche. So kam es wegen einer kleinen Dummheit zur unvermeidlichen Explosion.

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Verfasst von - 7. April 2012 in Kreatives, Lesen

 

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