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Frühling, Teil 4

05 Apr

Für die folgende Zeit hatte unser Quidditchkapitän uns eine Verschnaufpause in Sachen Training verschafft, unter anderem auch, weil ihn die Gryffindor- und Hufflepuffspieler, die als nächstes gegeneinander spielen würden, um die Ravenclaw zugeteilten Übungsstunden anbettelten. Somit verbrachte ich wieder mehr Zeit – man ahnt es schon – neben Quentin und hinter Sirius in einem frisch gefrühjahrsputzten Klassenzimmer. Mein Hauskumpane überredete mich jedoch auch zu ein paar Spaßtrainings, bei denen wir uns gegenseitig mit Quaffeln und Klatschern ärgerten.

An einem Abend unterbrach Quentin unser Spielchen kurz durch ein »Was macht dieser Slytherin eigentlich da hinten auf den Tribünen?«, und als ich den Blick in die von ihm gezeigte Richtung lenkte, erkannte ich einen in der Dämmerung über die Sitzplätze gelümmelten Regulus Black. Ich zuckte nur mit den Schultern und spielte ihm wieder den Quaffel zu, um ihn einen ungelenken Korb werfen zu lassen. Doch innerlich irritierte mich Regulus‘ Anwesenheit wohl mehr als meinen Freund. Und weil ich mit zunehmender Trainingsdauer immer neugieriger wurde, konnte ich Quentins etwas atemloses »Machen wir Schluss für heute?« kaum erwarten.

Während er zum Umkleidebungalow niedersank, beeilte ich mich mit dem Ballverstauen und flog dann kurzerhand zum noch immer am selben Platz sitzenden Slytherin-Sucher. »Hast du gewartet, bis wir weg sind und du das Feld für dich allein hast?«, brachte ich gleich meine Theorie Nummer eins hervor, ließ mich auf einem Sitz neben ihm nieder und lockerte mein Haarband, sodass sich ein paar dunkelbraune Strähnen daraus lösten.

Er überlegte kurz seine Antwort zusammen und musste mich gleich enttäuschen: »Nein, ich hab nicht mal meinen Besen und die Trainingsklamotten hier.« Ein weiteres Zögern, bei dem er mir kurz in die Augen sah. »Das Schloss war mir nur zu unruhig«, erklärte er letztendlich – und sah aus, als würde er sich fragen, ob mir dies als Erklärung reichen würde. Offenbar zweifelte er daran, denn er setzte hinzu: »Da komm‘ ich manchmal hier raus und gucke Leuten beim Üben zu. Oder lese nebenher.« Er deutete auf ein Buch, das auf dem Platz zu seiner anderen Seite lag. Furunkeln, Frösche, Farbenspiel – die formidabelsten Tränke für frustrierte Studenten. Interessant.

»Und«, nahm ich den Gesprächsfaden auf, »willst du immer noch lieber Jäger sein?«

»Naja. Im Prinzip hast du Recht mit dem, was du gesagt hast. Dass ich gut zu der Sucherposition passe und so. Immerhin hat’s im Spiel auch mit dem Schnatz geklappt.«

»Hätte nur ein bisschen früher kommen können«, neckte ich ihn ein wenig und erntete ein blasses Lächeln vom blassen Jungen.

»Wart’s nur ab, bis ich nächstes Jahr besser spiele.«

»Mir schlottern schon die Knie … Oh, Quentin wartet unten auf mich. Dann will ich dich nicht länger vom Lesen abhalten. Bis die Tage!« Mit diesen Worten hüpfte ich wieder auf meinen Besen und segelte – um Regulus noch etwas zu sehen zu geben – in ein paar Pirouetten zu meinem Hauskameraden hinunter. Der etwas eigensinnige Slytherin wurde mir immer sympathischer.

Womit ich aber nicht gerechnet hätte, war der Gedanke hinter Quentins Äußerung, nachdem ich neben ihm auf dem Boden aufgekommen war: »Versuchst du jetzt schon, über seinen Bruder an ihn ranzukommen?«

»Quatsch«, antwortete ich verdattert. Was mich gleichzeitig überraschte. Vor ein paar Wochen wäre mir die Idee wohl als Erstes gekommen, wenn ich zufälligerweise ein paar Worte mit Regulus Black gewechselt hätte. Verflüchtigte sich etwa die Verknalltheit? Mir fiel auf, dass ich die letzten Siebtklassunterrichtsstunden sogar mehr auf die Lehrer als auf meinen Schwarm fixiert gewesen war – und das wollte bei aller Neugierde etwas heißen, wenn ich meine Augen lieber auf Slughorns drahtkonsistentigen Schnurrbart als auf Sirius‘ glänzendes Haar richtete. An Regulus dachte ich fast unter Ausschluss seines älteren Bruders, obwohl die Verwechslung mit diesem eigentlich der Grund für unseren Kontakt war.

Kurz darauf sollte diese Feststellung jedoch auf die Probe gestellt werden, als sich mir wieder die Chance bot, in einer Freistunde zu den Siebtklässlern zu huschen. Ich war vor Sirius im Klassenzimmer, allerdings waren die Plätze in den letzten Reihen bis auf vereinzelte Lücken besetzt (kein Wunder, es sollte Verwandlung stattfinden, und Professor Twittlewell nahm für seine Vorführungen bevorzugt die vorn in seiner Reichweite sitzenden Schüler), und Quentin und ich ließen uns zwangsweise im Mittelfeld nieder.

Noch während ich Quentin dabei beobachtete, wie er einen Bogen Pergament glattstrich, das Fässchen mit der grünblauen Tinte aufschraubte und seine Schreibfeder parallel zum Papier ausrichtete, trat Sirius Black ins Zimmer, die Tischreihen mit den Augen nach seinen Kumpanen absuchend. Und wie es der Zufall (der ja auch genügend Zeit dazu hatte) wollte, fiel der Blick des Gryffindors dabei auch auf mich. Er stolzierte durch den Mittelgang, zu dessen linker Seite ich saß – es kam mir vor wie in Zeitlupe –, und beim Vorbeigehen bedachte er mich mit einem kecken Grinsen sowie den gemurmelten Worten: »Ach ja, die kleine Ravenclaw …«

Ich versuchte mich an einem hintergründigen Lächeln, von dem er vermutlich nichts mitbekam, weil er bereits an mir vorüber war. Doch Quentin war aufmerksam genug – eigentlich zu aufmerksam. »’Kleine Ravenclaw‘?«, zischte er mir leise von der Seite zu. »Wann zum Hippogreif habt ihr euch denn so gut kennen gelernt?«

Mir war bewusst, dass dies zusammen mit dem Kontakt zu Regulus Black ihn zum Schluss führen konnte, dass da etwas am Laufen war. Und ich ihm natürlich nichts davon erzählt hatte. Trotzdem ging ich nicht weiter darauf ein als mit einem schlichten »Gar nicht«. Ich spürte seinen misstrauischen Blick auf mir ruhen, während ich den Rücken meines Vordermanns anstarrte. Aber was wollte er denn hören? Ich war ja leider nicht mit Sirius zusammen, und bis dahin würde Quentin alles augenverdrehend als ‚alberne Schwärmerei‘ bezeichnen, warum sollte das also wichtig sein? Und so ließ ich das Thema unter den Tisch fallen, wo es lautlos aufschlug.

Ein Fehler, wie ich später bemerkte – denn zu dieser Zeit begann ich, Regulus nicht nur beim Vorbeigehen zu grüßen, sondern auch hin und wieder mit ihm herumzuhängen. Es war nicht so, dass ich meinen besten Freund davon ausschloss, wir hatten sogar eine kleine Quidditcheinheit zu dritt, aber da Quentin in seinem Abschlussjahr etwas mehr zu tun hatte als ich, verbrachte ich meine Freizeit eben auch in anderer Gesellschaft.

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Verfasst von - 5. April 2012 in Kreatives, Lesen

 

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