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Frühling, Teil 3

03 Apr

Ein paar eher unspektakulär vergangene Wochen später machten Quentin und ich uns auf den Weg zum Quidditchtraining. Die Wiesen waren längst nicht mehr so matschig wie bei den letzten Einheiten, und ich hegte die Hoffnung, später nicht gleich schlammtriefend in die Mannschaftsduschen rennen zu müssen, sondern einigermaßen trocken zurück ins Schloss gehen und mich in meinem Schlafsaalbad sauberwaschen zu können. Bei den Kerlen wusste man nie, ob sie nicht doch um die Abtrennung herumlugten, um einen zu bespannen, weshalb Marjorie und ich lieber auf die schamhafte Variante zurückgriffen, während es Rose so ziemlich egal war. Das traute man ihr als hübschem Küken der Mannschaft eigentlich gar nicht zu, aber entweder war sie noch zu jung und unschuldig für solche Gedanken oder – weitaus wahrscheinlicher – sie betrachtete die Teamkollegen eher als große Brüder, denen gegenüber sie kein besonderes Schamgefühl hatte. Immerhin bestand der Großteil ihrer engeren Familie aus älteren Geschwistern.

»Meinst du, Albert versucht uns heute wieder mit ewigem im-Kreis-Fliegen Disziplin beizubringen?«, begann ich – fast am Stadion angekommen – ein Gespräch mit Quentin, der diese neue Trainingsmethode auch eher empörend als erfolgsversprechend fand, als ich einen wohlbekannten schwarzen Haarschopf erspähte, der gerade den Bungalow mit den Mannschaftskabinen verlassen hatte und das feuchte Haar glattdrückte. Seit wann flog der denn? Während mein Herz in plötzlicher Aufregung hüpfte, sog Quentin hörbar die Luft ein, gab aber anstatt des erwarteten abfälligen Kommentars eine Antwort auf meine Frage zum Training ab.

»Kann gut sein, so schnell lässt er sich von seinen Strategien nicht abbringen«, grummelte er wenig vorfreudig und steuerte den Bungaloweingang an.

»Ich warte draußen, bin eh schon umgezogen«, verkündete ich mit möglichst harmloser Stimme und entfernte mich alibimäßig etwas vom Gebäude, damit Quentin mich nicht wieder des Groupiespielens verdächtigte.

Zugegebenermaßen kreisten meine Gedanken dabei jedoch um die Tatsache, dass mich Sirius, der immer noch vor einem der Fenster stand und sein Spiegelbild betrachtend in seinen Haaren herumfummelte, seit dem nächtlichen Ereignis nicht erneut bemerkt, geschweige denn angesprochen hatte. Er war sich meiner anhaltenden Schweigsamkeit wohl sehr sicher; vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn ansprechen und ein paar Andeutungen machen, dass ich durchaus ein paar Leute kannte, die das kleine Geheimnis ziemlich interessant fänden? Nein, sollte ich nicht. Aber ich wünschte mir natürlich ein paar mehr Worte von ihm. Wenigstens ein Zwinkern hätte er mir mal schenken können, dachte ich in verletztem mentalen Tonfall und trat ein paar entschlossene Schritte an ihn heran.

»Sirius«, begrüßte ich ihn zunächst und sprach seinen Namen ernst aus.

Doch leider war die Person, die sich zu mir umwandte, nicht Sirius Black. Obwohl sich die beiden ziemlich ähnlich sahen. Ich merkte, wie ich den mehr oder weniger Fremden – hey, war es nicht sein Bruder? – etwas enttäuscht angesehen haben musste, war aber zu langsam, um vor seiner verstimmten Anklage noch eine Entschuldigung herauszubringen.

»Nein, ich bin nicht mein Bruder, Snyder. Sollte wohl immer mit meinem Hausschal um den Hals herumlaufen, damit ihr mich nicht ständig mit dieser prahlerischen Missgeburt verwechselt.«

Mit diesen Worten schnappte er sich seinen an die Wand gelehnten Besen und stiefelte, ohne eine Reaktion abzuwarten, in Richtung Schloss davon.

Während ich auf Quentin wartete und auch noch während des gesamten Trainings dachte ich über diese Begegnung nach. Zuerst war ich entrüstet und sogar wütend über die Beschimpfungen, dann begann ich langsam, die Gefühle, die dahintersteckten, begreifen zu wollen. Und ich fragte mich, wieso er mich mit meinem Namen (okay, nur mit meinem Nachnamen) angesprochen hatte, noch bevor mir plötzlich der seinige einfiel: Regulus Black. Er war in meiner Stufe, und besonders nach seinem Hausschalkommentar war ich mir sicher, dass er zu den Slytherins gehörte. Allerdings hatte ich nicht mitbekommen, dass er für die Hausmannschaft spielte. Vielleicht fing er erst neu an.

»Snyder! Wenn du den nächsten nicht fängst, kannst du das Spiel von der Ersatzbank aus angucken!«

»Klar, Chef. Ich flieg‘ dann nachher zur Strafe einfach noch ein paar Extrarunden ums Stadion.«

Quentin und der Rest des Teams starrten mich aufgrund der Albert gegenüber unerwartet sarkastischen Aussage an. Ziemlich entgeistert. Normalerweise sagte ihm niemand so offen und vor versammelter Mannschaft, wenn ihm etwas nicht gefiel. Für ein paar Augenblicke war es ganz still, und ich erwachte langsam aus meinem nachdenklichen Delirium und begann, eine Entschuldigung zu stammeln, als Albert mich – noch überraschender – unterbrach: »Nein, nein. Du hast ganz recht, das Herumgefliege war nicht gerade meine brillanteste Idee. Ab nächstem Mal geht’s wieder normal los.«

Gleichzeitig erleichtert und erstaunt über ein solches Eingeständnis, blieb die ganze Gruppe weiterhin still und mittlerweile auch ziemlich regungslos in der Luft hängend.

»Aber – Snyder?«

»… Ja, ich werde den verdammten Ball fangen, Albert.«

»Das will ich hören. Weiter geht’s!«
Die nächsten Tage trainierten wir vermehrt, da ein wichtiges Spiel gegen Slytherin anstand. Kurz davor bekam Quentin wie immer seine Aufputschattacke. »Wenn ich jetzt noch einen Krafttrank zu brauen anfange, könnte er bis Samstag fertig werden«, grübelte er, während er zum hundertsten Mal die entsprechenden Trankzutaten, die er mittlerweile auswendig kennen musste, nachschlug. Und zum hundertsten Mal feststellte, dass ihm noch mindestens drei Ingredienzen fehlten und er sie Professor Slughorn entwenden müsste.

»Abgesehen davon, dass du disqualifiziert werden könntest, was wir ganz sicher am wenigsten gebrauchen können«, setzte ich hinzu und verstaute meine Lektüre, da ich mit diesem nervösen Kind an meiner Seite nicht mehr zum Lesen kommen würde. »Der einzige Trank, den du brauchst, ist der Kürbissaft am Morgen. Wahlweise auch Schokoladenmilch.«

Immerhin hielt sich Quentin wie jedes Mal doch an die Regeln, und wir traten allesamt ohne zusätzliche Elixiere intus am Samstagvormittag unter Jubelrufen ins Stadion. Dieses Spiel war das erste, vor dem ich Regulus Blacks Hand schüttelte (und mein schlechtes Gewissen dafür sorgte, dass ich meinen Blick nicht hob, weil er mich noch immer für einen dümmlichen Groupie halten musste, was ich einer neutralen Person gegenüber nicht gern auf mir sitzen ließ). Sirius‘ Bruder sollte seine Premiere als Sucher haben – und es stellte sich heraus, dass er verdammt gut war. Nicht nur ich hatte Bedenken, ob sich Rose bei einem Kopf-an-Kopf-Duell durchsetzen könnte, was mitunter auch an Regulus‘ Rennbesen lag. Also setzten wir alles daran, ihm ein paar schnelle Klatscher um die Ohren zu jagen (Quentins Job) und einen ordentlichen Punktevorsprung anzulegen (mein Job). Letzteres war auch eindeutig der Schwachpunkt der Slytherinmannschaft, die keine herausragenden Werfer hatte und offenbar einen lethargischen Bergtroll in der Hüterposition führte. Und so schafften wir das nahezu Unmögliche – und gewannen nach langem Spiel, obwohl die Slytherins den Schnatz ergatterten, um keine Komplettniederlage einzustecken.

Bevor ich allerdings mit den anderen Ravenclaws feiern ging, wollte ich kurz mit Regulus sprechen. Quentin bedachte mich bei dieser Offenbarung mit einem Blick, als zweifle er ernsthaft den Verbleib meiner geistigen Fähigkeiten an, ließ mich dann aber doch schulterzuckend gehen und holte zu Rose auf, um unsere deprimierte Sucherin wieder aufzumuntern.

Als ich vor den Umkleiden auf Regulus wartete, fragte ich mich sogar selbst, was ich mir da für einen Plan ausgedacht hatte, besonders, als mich ein Slytherin – der Hüter natürlich – zähnefletschend anknurrte. Weswegen ich vielleicht etwas zu freudig-erleichtert klang, als ein nicht knurrender Regulus herauskam und ich ihn mit seinem Vornamen ansprach.

»Du lernst dazu, Snyder«, lobte er mich ironisch. »Was willst du? Soll ich dir auch noch gratulieren?«

»Nein. Ähm. Eigentlich wollte ich dir gratulieren.«

Regulus war sichtlich überrascht. Und natürlich musste er denken, es wäre etwas faul an der Sache. Ich bewegte mich ein paar Schritte fort vom Umkleidenausgang. »Davor möchte ich mich allerdings bei dir entschuldigen. Ich wollte nicht eine von den hohlen Nüssen sein, die dich mit deinem Bruder verwechseln.«

Regulus‘ Blick sagte deutlich: ‚Warst du aber.‘ Doch immerhin schien er sich auch darüber zu wundern, weswegen ich ihm das erzählte, und er näherte sich ein paar Schritte, bis wir tatsächlich zusammenstanden, als würden wir ein Gespräch führen. Eine Art Vertrauen oder Glaubwürdigkeit würde ich mir noch verdienen müssen.

»Außerdem hast du heute toll gespielt.«

Scheinbar noch immer mit der stummen Überlegung hinter den Augen, ob ich das nun ironisch meinte oder nicht, antwortete Regulus mit einem vorsichtigen »Danke«, bei dem er sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht strich. Ich fragte mich mittlerweile, wie ich sein Haar mit dem von Sirius hatte verwechseln können.

»Spielst du schon länger?«

»Ich fliege schon lange, ja.« Zögernd fügte er hinzu: »Eigentlich wollte ich Jäger werden, aber als letztens der Sucher krank geworden ist, habe ich es auf der Position probiert.«

Jäger wollte er also sein? Wie ich? Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt – und fragte mich etwas unbequem, ob der Slytherin mich vielleicht wesentlich besser kannte als ich ihn. Immerhin konnte er mich damals auch gleich mit meinem Nachnamen ansprechen.

»Ich finde, die Sucherposition passt perfekt zu dir.« Er sah aus wie der typische Kerl dafür, nicht zu groß, dafür schmächtig und irgendwie aerodynamisch. Bis auf die längeren Haare. Ich schien ihn allerdings in Verlegenheit gebracht zu haben, jedenfalls wusste er augenscheinlich nicht, was er antworten sollte. Deshalb fügte ich gleich darauf hinzu: »Naja, deine Kollegen vermissen dich bestimmt schon. Mach’s gut, man sieht sich.«

Damit trat ich, selbst etwas unschlüssig, den Weg in meinen Gemeinschaftsraum an. Nach wenigen Metern meinte Regulus hinter mir: »Man sieht sich, Snyder.«

»Maya, bitte.«

»… Maya.«

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Verfasst von - 3. April 2012 in Kreatives, Lesen

 

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