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Frühling, Teil 2

01 Apr

Eines Nachts verließ ich den Astronomieturm nach dem bis ein Uhr dauernden Unterricht weit hinter meinen Mitschülern zurückbleibend und wurde beim Heruntersteigen des Treppchens ins Schlossinnere von der plötzlichen Leere der Korridore überrascht. Durchaus positiv, denn die dunkle Ruhe fühlte sich überraschend friedlich und einladend an. Schon auf der Plattform des Turms war es – verglichen mit den Wetterzuständen und Temperaturen der letzten Tage – angenehm und warm gewesen, der Vollmond und die Sterne hatten sich hell herausgeputzt und waren durch das Teleskop deutlich erkennbar. Spontan schlich ich mich um eine Ecke, bevor Professor Galatus ebenfalls herunterkommen und mich entdecken konnte (er hatte den Kopf sowieso viel lieber in den Sternen), und folgte Gängen und Treppen, die definitiv nicht zu meinem Hausturm, sondern ganz im Gegenteil nach unten und hinaus auf die Ländereien führten. Ich bin nicht der Typ, der gern Regeln bricht, aber auch nicht unbedingt ein Angsthäschen, das bei der kleinsten Grenzüberschreitung entsetzt ‚Das darf man nicht!‘ ruft, und meine nächste Unterrichtsstunde fand ohnehin erst am späten Vormittag statt, also achtete ich einfach beim Herumspazieren darauf, von niemandem gesehen zu werden, und genoss die Stille im Schloss und kurz darauf auch im Freien.

Unten war es noch angenehmer als auf dem Turm, wo es etwas windiger zuging, und ich wollte gerade eine kleine Runde im Schatten des Gebäudes beginnen, da hörte ich ein Jaulen. Es klang nicht, als käme es aus den fernen Tiefen des Verbotenen Waldes, und mich durchfuhr die erschreckende Befürchtung, Wölfe könnten sich bis an den Waldrand oder gar noch näher herangewagt haben. Ich drückte mich mit zittrigen Knien gegen die Schlossmauer und war plötzlich weitaus weniger träumerisch, sondern eher so wach, als hätte mich jemand frisch in Eiswasser getaucht. Fahrig fummelte ich meinen Zauberstab aus der Tasche und traute mich näher an die Ecke, hin- und hergerissen zwischen Fluchtreflex und Neugierde.

Nach langen Warteminuten hörte ich von jenseits der Ecke auch noch nahe Stimmen und riskierte einen Blick. Höchst erstaunt erkannte ich einige Meter weiter ein paar Schülergestalten mit nahezu unverwechselbaren Körperhaltungen, vor allem in dieser Kombination … Sirius, der Rumtreiber, zusammen mit den zwei Cliquenmitgliedern James Potter und Peter Pettigrew! Remus Lupin fehlte noch, aber meine Aufmerksamkeit galt natürlich rasch wieder Sirius, der in unnachahmlicher Lässigkeit dastand, als würde er auf etwas warten. Dabei sah er abwechselnd in Richtung Wald und in die Runde.

Mir fielen die abstrusesten Möglichkeiten ein, die die Situation hätten erklären können. Sie wollten sich doch nicht im Wald mit Wölfen anlegen?! Der Atem stockte mir, als ein weiteres Jaulen erklang und James daraufhin etwas wie »Na, dann mal los« sagte, während sich Pettigrew vor Angst geradezu in die Hosen zu machen schien. Fast wie ich, kam es mir in den Sinn, allerdings verdrängte ich den Gedanken wieder, weil ich mich nicht mit diesem unfreundlichen und begierig auf die tiefen Ausschnitte mancher Klassenkameradinnen starrenden Taugenichts vergleichen wollte.

Die drei setzten sich nun in Bewegung und wollten tatsächlich hinunter zum Wald, weshalb mir ein entsetztes Krächzen entfuhr. Das nicht gerade leise gewesen sein muss, denn während James schon in einen Laufschritt verfiel und Pettigrew sich beeilte, ihm nachzukommen, wandte sich Sirius um und blieb abrupt stehen.

»Ich komm‘ gleich nach«, sagte er den anderen halblaut und drehte sich in meine Richtung, wo ich daraufhin viel zu spät den Kopf einzog und sich mein Puls noch weiter beschleunigte. Oh mein Gott! Nicht nur, dass ich hier ein wahnwitziges Abenteuer mitverfolgte – mein Schwarm musste mich auch noch genau bei dieser Gelegenheit das erste Mal bemerken. Wie ich ihm augenscheinlich um halb zwei Uhr Nachts hinterherspionierte.

Selbstverständlich hatte er mich gesehen, allerdings verzog er die Nase eigenartig, schien etwas … erschnüffeln zu wollen? Und ich weiß nicht, wie ich mich von diesem gleichzeitig attraktiven und beunruhigenden Anblick losreißen konnte, vielleicht habe ich sogar ein verändertes Laufgeräusch wahrgenommen, jedenfalls blickte ich ihm über die Schulter auf die weite Wiese und erkannte nicht mehr zwei rennende Gryffindors, sondern nur mehr den pummeligen Pettigrew und – einen Hirsch. Mit imposantem Geweih. Kurz darauf verschwand Peter urplötzlich neben der Tiergestalt, die weiterhin auf den Verbotenen Wald zusteuerte.

Vollends verwirrt waren meine ersten Worte an den herangetretenen und mich etwas skeptisch musternden Sirius: »James Potter ist ein Hirsch?«

Der Gryffindor schmunzelte leicht, was bereits zur Folge hatte, dass ich wie flüssiges Siegelwachs dahinschmolz, trotz der höchst rätselhaften Situation. »Und eine kleine Ravenclaw ist so spät noch nicht in ihrem Prinzessinnenturm?«, erwiderte er, zwischen Charmieren und Spöttelei.

Im ersten Augenblick glaubte ich tatsächlich, er hätte sich mich irgendwoher gemerkt, und dass ich eine Ravenclaw war. Mein Herz machte einen kleinen Sprung – bis mir meine blau und bronzefarben gestreifte Krawatte unter dem offenen Umhang einfiel. Ich schluckte, auch, weil ich es nicht mochte, als Prinzesschen dargestellt zu werden – was hatte ich schon mit so jemandem gemein? –, besonders nicht von ihm. Im Stillen bezweifelte ich außerdem, dass Sirius mich wegen des nächtlichen Herumspazierens anschwärzen würde, und wartete einfach auf eine weitere Reaktion. Obwohl man meinen könnte, dass ich mit einer Antwort dran wäre. Nun ja, ich war noch nie besonders schlagfertig und entschied mich für die Schweigsamkeit, die Sirius zusammen mit dem festgestellten Regelbruch wohl zum nächsten Kommentar veranlasste.

»Stille Wasser sind tief, hm?« Er lehnte sich an die Schlossmauer und schien es nicht gerade eilig zu haben, seinen Kumpanen zu folgen, aber kaum hatte ich diesen Gedanken zuendegedacht, fuhr er mit einem halben Blick über die Schulter fort: »Trotzdem wär’s besser, du gehst jetzt wieder rein.«

Bildete ich es mir ein, oder sah es tatsächlich so aus, als würde er sich auch um mich Sorgen machen? Sollte ich reingehen, weil es draußen gefährlich werden könnte?

»Ach, und das, was du vielleicht gesehen hast« – er beugte sich näher zu mir vor, und ich hielt den Atem an, bis mir die Idee kam, seinen Duft einzusaugen, und ich vorsichtig einen Zug frischer Luft mit ganz, ganz leichtem Sirius-Aroma nahm, wobei ich mir gleichzeitig total lächerlich ob meiner Verschossenheit vorkam – »bleibt unser kleines Geheimnis, einverstanden, Süße?«

Süße? Ich befand mich mental bereits ziemlich ohnmächtig zu seinen Füßen – wie gesagt, nicht ganz der Eindruck, den ich hinterlassen wollte und sogar einer, der mir selbst langsam unangenehm war –, versuchte aber, einen halbwegs gelassenen Eindruck aufzubauen, indem ich erst eine Augenbraue hochzog und anschließend nickte, als hätte ich mich bereiterklärt, seinen Zaubereigeschichte-Aufsatz zu korrigieren. Derweil stieg in mir etwas Panik auf, immerhin würde Sirius gleich wieder weg sein. Argh.

Als er sein Gewicht wieder in die Körpermitte verlagerte und den Arm von der Wand nahm, fragte ich, etwas atemlos vielleicht: »Es ist doch nichts Gefährliches? Und – verwandelst du dich auch?«, da ich mittlerweile endlich begriffen hatte, dass James ein Animagus sein musste.

Er grinste mich bezaubernd schelmisch an und schüttelte zunächst den Kopf, was ich in Bezug auf zwei Ja-Nein-Fragen nicht ganz deuten konnte. Vielleicht schüttelte er auch über mich den Kopf? Dann wandte er sich allerdings ganz einfach ab, was zur Folge hatte, dass ich verwirrt herumstand, als hätte er mir gerade einen unerwarteten Korb gegeben (wie könnte ein Korb von Sirius Black für mich unerwartet sein? Er hatte gerade erreicht, dass ich die Klappe halten würde, und nun musste er sich nicht weiter mit mir auseinandersetzen). Jedoch drehte er sich im Gehen noch einmal zu mir um und verabschiedete sich mit den stolz und zugegebenermaßen ein bisschen angeberisch klingenden Worten: »Ich zeig’s dir.«

Fünf Schritte von mir entfernt wurde Sirius zu einem großen, schwarzen Hund, der immer schneller über die Wiese jagte und vor seinem Verschwinden im Verbotenen Wald einmal leise bellte.

Am nächsten Morgen fragte ich mich als Erstes, ob ich das alles nur geträumt hatte, und als Zweites, wieso es schon so hell war. Bis ich mit einem Blick auf die Uhr bemerkte, dass ich den ganzen Vormittag verschlafen hatte. Eilig sprang ich in meine Schuluniform, um wenigstens noch etwas Essbares an der Mittagstafel zu bekommen, wo ich dann zunächst meine schaulustigen Mitschülerinnen am Haustisch und ihr geheuchelt besorgtes »Wo warst du?« mit einem abwinkenden »Verpennt!« abschütteln musste und mich zum etwas einsam dasitzenden Quentin setzte.

»Wie kommt’s, dass du eine Stunde hinter-Black-Sitzen verpasst hast?«, fragte er neckisch, aber sein Tonfall offenbarte weniger Heiterkeit. Vielleicht hatte es ihn betrübt, dass ich ihn selbst sitzen gelassen hatte?

»Total verschlafen, ich hatte gestern Astronomie«, erwiderte ich, während ich mir kalten Braten mit Weißbrot auftischte, um ein annähernd frühstückhaftes Essen zusammenzustellen.

»Uuuh, Astronomie«, meinte er nur noch, als ob mich das bisher davon abgehalten hätte, rechtzeitig aufzustehen. Und ja, er hatte dermaßen recht, dass ich mich nicht traute, ihn anzusehen, weshalb ich etwas hilflos und hoffentlich müde genug vor mich hinlächelte.

Zum Glück ließ Quentin das Thema fallen und schien halbwegs versöhnt. Ich wollte ihm ausnahmsweise nicht erzählen, was passiert war, was an der süßen, dummen Verknalltheit lag, die Sirius‘ und mein kleines Geheimnis zu etwas äußerst Wertvollem und Innigem erhob.

Als meine Schlafsaalgenossinnen aufstanden und sich auf den Weg zur nächsten Schulstunde machten, hatte ich es etwas zu eilig, mich von Quentin zu verabschieden und ihnen hinterherzukommen.

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Verfasst von - 1. April 2012 in Kreatives, Lesen

 

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