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Eine Stunde Stehen

08 Jan

– eine serbisch-orthodoxe Mitternachtsmesse

Orthodoxe Christen feiern Weihnachten etwa zwei Wochen später – am 6. und 7. Januar. (Dies liegt daran, dass sie sich noch am julianischen statt am gregorianischen Kalender orientieren – weil der Tag des Jüngsten Gerichts somit auch erst zwei Wochen später kommt. Und welch Zufall, ich kenne ein Pärchen, bei dem der Kerl Gregor und das Mädel Juliane heißt… Aber darum sollte es eigentlich gar nicht gehen. Also: Orthodoxe. Weihnachten.) Eine meiner Mitbewohnerinnen gehört dieser Religion an, und so haben wir die letzten Tage erneut Weihnachten gefeiert und viel zu essen gekriegt. Außerdem hat sie mich gestern Nacht – vom 6. auf den 7., da soll Jesus auf die Welt gekommen sein – mit in die Mitternachtsmesse genommen.

Ich habe zwar erst wenige Minuten zuvor erfahren, dass dies bedeuten soll, zwei Stunden zu stehen, uff, aber das hat mich neugieriges Weib dann doch nicht daran gehindert, mitzukommen. Im Notfall könnte ich dann ja auch früher gehen. Wir waren etwas spät dran und eilten zur Geisterstunde durch die Wiener Gassen ein paar Straßen weiter in Richtung Belvedere – da befindet sich die Kirche zum Heiligen Sava (Fassadenbild hier bei Wiki). Wer auf den Link geklickt hat, der sieht, dass sie von außen sehr unscheinbar aussieht, fast wie ein normales Wohnhaus. Das große Geld kriegen eher die russisch-Orthodoxen, die um die Ecke einen riesigen Sakralbau mit goldenem Zwiebeldach im Garten der russischen Botschaft haben.

Lustiges Detail: Vorher beherbergte das Gebäude der Serben ein Gasthaus mit dem Namen „Küss den kleinen Pfennig“.

Drinnen geht es auch nicht auffälliger weiter, was uns allerdings als erstes auffiel: Es war proppevoll. Was man hin und wieder auch roch. Später sagte meine Mitbewohnerin, sie würden alle nach Sauerkraut riechen (einem Nationalgericht der ‚Jugos‘); ich nahm bei genauerem Hinschnuppern eigentlich nur den Geruch verschwitzter Turnschuhe wahr… Ein paar Leute standen auch draußen, weil gar nicht alle reinpassten in den größeren rechteckigen Raum, der in den Farben mittelblau, gold und rostrot gehalten ist. In etwa in der linken Hälfte standen die Frauen, in der rechten die Männer, mit Blick auf die Holzvertäfelung, die den Großteil der gegenüberliegenden Wand beansprucht und wie die Wände einige Ikonen beherbergt. Düsterfarbige Ikonen mit eher dunkelhäutigen Personen darauf, was zumindest mehr Authentizität als westchristlichere Darstellungen besitzt. Auch diesen Bildern sah man allerdings einen gewissen Geld- oder Professionalitätsmangel an, und ich finde die beiden großen Ikonen, die meine Mutter bei uns daheim aus ästhetischen Gründen an die Wände gehängt hat, schöner als jedes Bild, das ich in dieser Kirche sah (diese wirkten teilweise wie schlecht aufgeklebte Panini-Sticker). Zugegebenermaßen war das aber auch nicht so viel – wir mussten uns immerhin erst vom Vorzimmer (in dem unpraktischerweise ein kleiner dicker Teppich auslag, über den jeder, der hinauswollte, mir an die schmächtige Brust stolperte und ich ein leichtes Gefühl sexueller Belästigung empfand) in den Großraum ‚kämpfen‘ (warten, bis jemand rauskommt, was immerhin nicht so selten vorkam, und dann ein Stück weiter vorrücken). Es hatte somit teilweise etwas Rockkonzerthaftes. Und ganz vorn zu erspähen: die Groupies mit den Kopftüchern, meist sehr alte Frauen. Was nicht heißen soll, dass keine jungen Menschen dabeiwaren. Die gingen anschließend teilweise sicherlich noch in die Disco.

Eine weitere Gemeinsamkeit mit einem Konzert ist der Gesang. Normal gesprochen gebetet wird selten, meist handelt es sich dabei um einen melodischen Singsang von einem oder mehreren Vornestehenden (Männer und Frauen). Überraschenderweise klang es für mich weniger nach Moll denn nach Dur, da kann ich mich aber auch irren. ^^ Ob es der/ die Priester waren, die sangen, weiß ich nicht genau – die befanden sich jedenfalls nicht mal so recht im selben Raum. Im hölzernen Wandrelief befindet sich ein Durchgang in ein Hinterzimmer, in dem sie von der Gemeinde wegbeten. Auf Serbisch; einmal wurde auch kurz etwas auf Deutsch gebetet, mit einem nicht so leicht zu verstehenden Akzent. Hin und wieder glaubte ich, Begriffe zu verstehen, aber gleichzeitig bezweifelte ich, dass sie für ordentliche Osmose und gegen Diarrhöe beteten. O.o Aber fast durchgehend in Melodien (zwischendurch erklang leise ein Stimmgerätsummen wie von einer Mundharmonika, das ich noch von Acappellaauftritten kenne). Seltsamen Melodien, deren Verlauf man als Uneingeweihter nicht wirklich voraussagen kann. Andere kannten sich natürlich aus – einmal stand schräg hinter mir eine leise mitsingende Frau, die verwirrenderweise zwischendurch die Tonlage änderte, weil sie wohl doch nicht so hoch hinauf oder tief hinunter kam. Gegen Ende (wir standen doch nur bis ein Uhr, dann bekamen diejenigen, die die letzten zwei Monate brav gefastet hatten, was zu essen) kam es mir vor, als würde die Publikumsbeteiligung hochgehen, vielleicht, um nicht einzuschlafen.

Außerdem nicht zu vergessen: das Bekreuzigen. Spiegelverkehrt zum katholischen (und evangelischen und einigen anderen…). Und alle paar Minuten, wobei irgendwie nicht immer jeder bekreuzigt – das hat in mir die Überlegung hochgebracht, dass vielleicht eine Art Fürbitten gebetet werden, und man kann sich bekreuzigen, wenn einem die eben gebetete Bitte wichtig ist. Und ob ich mich vielleicht manchmal bei Bitten bekreuzigte wie „Lass mich nicht allzu bald sterben“ (vielleicht eher für ältere Menschen gedacht) oder „Mach, dass meine Frau mich weiterhin brav bedient“. Daran hätten mich Umstehende nämlich vielleicht als Eindringling entlarven können! Und dass diese vielleicht nicht so gern gesehen sein könnten, stellte ich im Nachhinein fest, als ich heute bei Youtube nach orthodoxen Gebeten suchte. Der erste Kommentar, den ich las, stand bei einem Ausschnitt eines ökumenischen Gottesdienstes von verschiedenen orthodoxen Untergruppen, und lautete:

„Es ist ALLEN ORTHODOXEN CHRISTEN VERBOTEN an solchen Ökumene [sic] Gottesdiensten teilzunehmen. Jeder Priester der so etwas tut sollte abgesetzt werden.“

Keine Ahnung, ob ich nun die heilige Messe mit meiner katholischgetauften Anwesenheit beschmutzt habe. Eine Freundin meiner Mitbewohnerin wurde in ’ner anderen Kirche angeschnauzt, wieso sie ihr Stroh (für einen Weihnachtsbrauch benötigt) in einem normalen Laden und nicht in der Kirche, in die sie anschließend gehen wollte, gekauft hatte, nun sei es nämlich nicht geweihwässert und sie dürfe es eigentlich nicht mit hineinnehmen… Aber natürlich gibt es mit Sicherheit solche und solche, wie eben alle Glaubensrichtungen strengere und laschere Anhänger haben. Ich fand es jedenfalls sehr interessant, bei einem Gottesdienst einer anderen Religion dabeizusein – und frage mich, ob ich daraus nicht eine kleine ‚Challenge‘ machen sollte. Vielleicht ist ja meine türkische Studienkollegin einigermaßen anders religiös und kann mich mal mitnehmen?

 

Ich höre gerade:

Carla Bruni – L’excessive | Maroon 5 – She will be loved | Fréhel/ OST Amélie – Si tu n’étais pas là (Lieblingstextstelle: ‚C’est à toi que je dois cette joie profonde‘, wegen der Gleichklangspielerei.) | Katzenjammer – I will dance (when I walk away) | Muse – Knights of Cydonia | 30 Seconds to Mars – Beautiful lie

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6 Kommentare

Verfasst von - 8. Januar 2012 in Alltag, Kultur, Musik, Wien

 

6 Antworten zu “Eine Stunde Stehen

  1. Wanda

    8. Januar 2012 at 14:16

    Interessanter Bericht! :)
    Ich würde mir wohl so fehl am Platz vorkommen, dass ich mich das alleine nicht getrauen würde.

     
  2. Carolin

    15. Januar 2012 at 15:34

    Hui, das klingt ja wirklich spannend :)

    Ich war in Spanien bei einem Gottesdienst und obwohl die ja auch katholisch sind, wie die meisten Leute in meinem Heimatdorf, war der Gottesdienst doch deutlich anders. Vor allem war für mich spannend, dass auch so viele Leute in Uniform in die Kirche gegangen sind …

     
  3. Pik

    15. Januar 2012 at 20:23

    Als ‚Sonntagskleidung‘? Interessant! Das hab ich auch noch nicht gesehen, außer bei der letzten Adelshochzeitsübertragung vielleicht…

     
  4. anna

    17. Januar 2012 at 19:35

    Ich war einmal in meinem Leben, vor vielen Jahren, in einer orthodoxen Kirche. Es war aber eine „normale“ Messe. Mir ist das ständige Bekreuzigen auch aufgefallen. Meine Sitznachbarin – eine ältere Dame – war jedes Mal mit viel Schwung dabei, sodass ich jedes Mal „geboxt“ wurde. Das ist mir noch in Erinnerung geblieben…

     
  5. Pik

    20. Januar 2012 at 19:47

    Wie fies! So eng war’s hier dann doch nicht… (;

     
  6. Carolin

    23. Januar 2012 at 13:57

    Es war zugegebenermaßen nicht Sonntag, sondern irgendein Feiertag … aber interessant war’s trotzdem ;)

     

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