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Stromkilometer 1.918,3 – Friedhof der Namenlosen

21 Sep

Wenn man für längere Zeit in Wien ist und den Film ‚Before Sunrise‘ mit Ethan Hawke und Julie Delpy gesehen hat, gibt es ein paar Orte, die man gern besuchen würde. Zu diesen gehörte für mich der Friedhof der Namenlosen – den ich beim letzten Besuch meiner Eltern hier sehen wollte. Praktischerweise, denn die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht ganz unkompliziert, und so nahmen wir dann doch das Auto.

Unbekannt

Es gibt ein paar amüsante Ortsnamen in und um Wien, unter anderem auch: Alberner Hafen (Teil des Bezirks Simmering). In diesem industriegebietigem Gebiet findet man nach einigem Suchen und Passieren von Zulieferstraßen auch ein Schild, das auf den Friedhof der Namenlosen hinweist. Hinauf und hinunter die Stufen um den Rundbau der Kapelle, dann steht man vor dem Eingangstor. Doch worum handelt es sich bei diesem mysteriösen Friedhof genau?

Namenlos

Nun, die Lage nahe des Hafens ist nicht zufällig. Bis vor einigen Jahrzehnten befand sich bei dieser Stelle in der Donau – Stromkilometer 1.918,3 – ein Wasserwirbel, der Treibgut an Land spülte, darunter Wasserleichen. Wer sie waren, woher sie kamen, wie sie starben, war in den meisten Fällen nicht auszumachen. Man beschloss, sie zu begraben. Zwar ließ man sie dafür nicht zum nächstgelegenen Friedhof bringen, doch angeblich wurden sie auch nicht einfach verscharrt, sondern in Holzsärgen bestattet. So entstand der Friedhof der Namenlosen.

Unvergeßlich

Als wir ihn im August besuchten, waren die Gräber von allerlei Gräsern und Farnen überwuchert. Trocken, heiß und stickig das Wetter. Irgendwie passte es nicht zum Ort, aber die geheimnisvollen Kreuze und Schilder für die anonymen und identifizierten Toten ergänzten die Stimmung um das fehlende Traurige, Mystische. Inspirierend bei den Gedanken an die vielen unerzählten Geschichten, von denen sich zumindest Abrisse auf den Schildern derer zeigen, über die etwas in Erfahrung gebracht werden konnte.

Julius Behnken aus Hamburg – 11.12.1860 – 15.3.1923

Manchen Gräbern sieht man sogar an, dass sie für Kinder geschaufelt wurden. Spielzeug, buntes Brimborium. Ein schlammgrünes, von der Witterung mitgenommenes Stoffkrokodil tarnt sich im Gras an „Sepperls“ Grabstätte. Auf einem anderen steht:

Hier ruht Wilhelm Töhn, ertrunken durch fremde Hand am 1. Juni 1904 im 11. Lebensjahr

Selbstmörder sollen natürlich auch viele darunter gewesen sein. Joseph Fuchs, der vor einigen Jahren verstorben ist und sich seit Ewigkeiten – früher ehrenamtlich – um den Friedhof der Namenlosen kümmerte, konnte davon vermutlich ein Lied singen, zumal der im Jahr 1906 Geborene noch die aktive Phase miterlebte. Seit etwa 1940 werden hier keine Wasserleichen mehr bestattet, darum kümmert sich nun der Zentralfriedhof. Mal abgesehen davon, dass der Wasserwirbel beim Hafenumbau beseitigt wurde und nun längst nicht mehr so viel angespült wird wie einst.

Rosa Majewsky ~     1912-1930

Abgesehen von gelegentlichen Besuchern finden sich hier vor allem am Sonntag nach Allerseelen etliche Menschen ein. Dieser Brauch mit Kranzlegung hat sich eingebürgert. Der Fischerverein lässt ein Floß aus Blumen und Kerzen zu Wasser, versehen mit einem dreisprachigen „Den Opfern der Donau“ (deutsch, tschechisch, ungarisch) und der Bitte, das Floß bei Bedarf weiterzustoßen. Vielleicht finde ich ja mal Zeit dafür, ich würde es gern mit ansehen.

Im Bereich zwischen Dammkapelle und Hafeneinfahrt befand sich einst der alte Friedhof der Namenlosen, der im Jahre 1900 aufgelassen wurde. 478 Opfer des Stromes liegen heute noch dort bestattet.

Dieses Schild findet sich an der Rückseite der Kapelle, und nach einem Abstecher an das, was wohl die Hafeneinfahrt oder etwas ähnliches ist, hat meine scharfäugige Mutter auch den alten Friedhof entdeckt, nachdem wir zuvor erfolglos Ausschau gehalten haben, obwohl wir direkt daran vorbeiliefen. Er befindet sich auf der anderen Seite einer verrosteten, im Nichts endenden Schiene, von den Bäumen sicher schon teilweise überwachsen. Der alte Teil wurde früher noch teilweise überflutet, was ein Grund dafür sein könnte, dass sie hundert Meter weiter siedelten.

Und es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass sogar die beiden Friedhofsteile nun seit mehr als einem halben Jahrhundert Schilder tragen, wie sie die Gräber zieren:

[Alter] Friedhof der Namenlosen   1840-1900

[Neuer] Friedhof der Namenlosen   1900-1935

 

 

 

 

 

 

 

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Verfasst von - 21. September 2011 in Alltag, Foto, Kultur, Wien

 

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