RSS

Bécs (oder: Wie man seine Muttersprache vergisst)

22 Nov

Bécs ist der ungarische Name für ‚Wien‘. Er ähnelt damit ganz und gar nicht dem deutschen Namen oder romanischen Variationen wie ‚Viena‘, und dieses Merkmal zieht sich durch die gesamte Sprache. Sie gehört einfach in eine ganz andere Familie, nämlich in die finno-ugrische, wie auch Estnisch und Finnisch. Doch wenn wir schon einmal beim Stichwort ‚Familie‘ sind – der folgende Artikel dreht sich, vage formuliert, um die ungarische Sprache, mich und das Gefühl von Familie.

Einer der zahlreichen Vorteile, in Wien zu leben, ist für mich die Tatsache, öfter mal Ungarisch hören zu können. Immerhin ist die ungarische Grenze nicht weit entfernt; um von hier aus in die Hauptstadt Budapest (nicht Bukarest, Leute… das war Rumänien) zu kommen, dauert es mit dem Zug nur etwa drei Stunden. Menschen auf der Straße reden auf Ungarisch, die Beschreibungen auf Lebensmitteln und anderen Supermarktartikeln sind schon an zweiter Stelle in ungarischer Übersetzung aufgeführt. Ich lese sie mir – oder anderen, die sich dafür interessieren – gerne vor. (:

Leider war’s das dann auch beinahe schon mit meinen Kenntnissen. Immerhin, denke ich mir manchmal, die Aussprache ist etwas eigen, das kann auch nicht jeder. Und sonst fällt auch keinem auf, dass es im Namen der Wiener Esterházygasse eigentlich ‚Eszterházy‘ heißen sollte, sonst müssten die Busfahrer es korrekterweise ‚Eschterhaasigasse‘ aussprechen. Allerdings ist es traurig, dass ich nicht mehr Ungarisch kann, wenn man bedenkt, dass das eigentlich meine Muttersprache ist.

Meine Mama hat ein ungarisches Elternteil und wurde im Grenzgebiet Rumäniens zu Ungarn groß, sprach die Sprache von klein auf. Sogar ich redete in meinen ersten Lebensjahren eher selten Deutsch (was nicht daran liegt, dass ich generell noch nicht sprach!) – aber ab einem gewissen Zeitpunkt, als ich zu Hause immer weniger Ungarisch und immer mehr Deutsch hörte, begann ich, meine Muttersprache zu vergessen.

Dieser Vorgang verlief schleichend. Freunde können bezeugen, dass ich noch in der Grundschule Mitschülern gern auf Ungarisch zum Geburtstag gratulierte. Und auch wenn ich das heute auch noch hinbekäme, fiele es mir spontan nicht ein, jemanden mal in dieser Sprache zu beglückwünschen. Soll es etwas inhaltsvoller werden, habe ich größere (Formulierungs-)Probleme.

Doch auch, wenn ich nicht so viel verstehe und noch weniger selbst über die Lippen bekomme: Wenn Ungarn sprechen, vermittelt mir die Sprache ein Gefühl von Geborgenheit, Gemütlichkeit, Familie. Ob das mit der Lebensphase zusammenhängt, in der ich am Meisten von dieser Sprache mitbekam? Als Kleinkind, das von einem Verwandten in die Arme des nächsten gelegt wurde und sich über den Besuch von ungarischen Freunden der Eltern freute?

Auf jeden Fall kann ich sagen, dass es mir jetzt, im Alter von 19 Jahren, meine neue Stadt noch sympathischer und heimeliger macht, als sie ohnehin schon für mich ist.

Advertisements
 
2 Kommentare

Verfasst von - 22. November 2010 in Alltag, Kultur, Lesen, Wien

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

2 Antworten zu “Bécs (oder: Wie man seine Muttersprache vergisst)

  1. Carry

    24. November 2010 at 19:00

    Na dann ist doch gut, wenn du dich wohl fühlst und dich ja offenbar so gut eingelebt hast :)
    Ich wusste gar nicht, dass [immer noch] so viele Ungarn in Österreich sind …

     
  2. Vincenz

    27. November 2010 at 21:03

    Stimmt, mir wurde damals auch in ungarisch gratuliert :) Hachja, die alten Zeiten …

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: