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Zeit für die Zeit

17 Aug

Zeitunglesen ist nicht Jedermanns Sache, aber Jedermann sollte sich zumindest in verschiedenen Lebensphasen damit auseinandergesetzt haben. Und manchmal wird Jedermann dabei sogar von Lehrern unterstützt, denen man dies gar nicht zugetraut hätte.

Ein Projekt, das unter anderem unserem Deutschkurs vier Wochen lang (also vier Male) die ‚Zeit‘ (hier online) bescherte, war es, das mir die hübschen und doch gleichzeitig lästigen Packen bescherte, die ich wochenlang mit mir herumtrug – in der Schule und beim Hin- und Herwandern von meinem Freund zu mir nach Hause und zurück beispielsweise. Ich wollte mit einer Ausgabe auch eine Fotoreihe, oder zumindest ein einzelnes Bild hinbekommen, aber dazu reichte die Mitreißkraft, wenn die Idee gerade präsent war, nicht aus. Und so fristeten drei der vier Nummern (27, 28 und 29) mindestens einen Monat lang ein trübseliges Dasein auf dem staubigen Boden neben meinem Bett, eingeklemmt zwischen einer wesentlich dünneren ‚Revista de la prensa‘, die mir der Spanischkurs beschert hatte, und dem Campbell (dickes, in meinem Fall orangenes Biolehrbuch zum Nachschlagen, das mir meine Firmpatin glücklicher- und dankenswerterweise leiht, derzeit – mit einem hübschen Frosch vorne drauf, den ich auch auf Postkarte besitze).

Für dieses Wochenende nahm ich mir vor, den Zeitungen genügend Zeit zu widmen. Zum Wegschmeißen sind sie immerhin viel zu schade, und die erste Ausgabe, die mir gegönnt wurde und ich immerhin schon gründlich inspiziert habe, hat mich zum Beinahe-Fan gemacht. Also hätte ich mich selbst auf den Scheiterhaufen gestellt, wenn ich sie bis zum Ende ihrer Existenz ignoriert und weggeschmissen oder bestenfalls noch zum Verpacken bunter Gläser für einen Umzug (ich will in so eine tolle WG, wie sie letztens bei Vox kam…) benutzt hätte. Außerdem noch wegen des intellektuellen Standards und der zahlreichen Möglichkeiten, aus denen ich hätte lernen können, so etwas wirft man einfach nicht weg! Ich wollte mich gründlich mit ihnen auseinandersetzen, nicht mit jedem einzelnen Artikel, doch so sehr, um mir ein Bild machen zu können und die spannendsten Seiten zu verinnerlichen. Ein flüchtiges Blättern und Überschriftenüberfliegen ist da für mich unzureichend.

Dabei muss ich kurz unterbrechen und einen Vergleich ziehen. Es gibt ja doch einige Leute, die wählen gehen, und eine aufgeklärte Person nimmt da natürlich nicht die Partei, zu der Vati und Mutti raten, sondern macht sich über verschiedene Quellen ein eigenes Bild. Eine Freundin meinte anlässlich der Europawahl(en) dieses Jahres, dass sie dahingehend ihrem inneren Drang, sich möglichst gut zu informieren, nicht gerecht werden konnte und deshalb gar nicht wählen gegangen ist (soweit ich das in korrekter Erinnerung habe). In diesem Aspekt muss ich dem eigenen Anspruch einen Strich durch die Rechnung machen und sagen: Man kann nicht die perfekte Wahl treffen. So kann ich auch aus dem fehlenden inneren Antrieb und dem Desinteresse in manchen Themenkreisen nicht jeden Artikel der ‚Zeit‘ (oder einer anderen Zeitung… dieses dauerpräsente Zeit-Thema und der dazugehörige Klang! Spricht eigentlich noch jemand gedanklich seine eigenen, geschriebenen (oder auch gelesenen) Zeilen mit und liest sie sich selbst vor, wie ich?) lesen, obwohl mir mit Sicherheit etliche Texte, die für mich nur den Anschein hatten, nicht interessant genug zu sein, in ihrer Schönheit, Wahrheit und in ihrem Informationsgehalt entgangen sind… Aber was ich eigentlich damit sagen will: Man sollte seine Ansprüche zumindest teilweise an die Realität anpassen und adäquat wählen, auch wenn der eigene Perfektionismus damit nicht hundertprozentig befriedigt wird. Denn es wäre klüger, zumindest eine Stimme gegen die NPD abzugeben, auch wenn man im Nachhinein feststellt, dass es da einen Unterpunkt im Parteiprogramm gibt, der mit den eigenen Vorstellungen und Prioritäten nicht ganz konform geht. Wenn ich ganz, ganz dringend ein feines Kleid für die Hochzeit einer Freundin suche, würde ich, wenn ich Zeit und Muße hätte, natürlich sämtliche Läden in den nahegelegenen Städten absuchen, auch in den unkonventionellen, bei denen ich mir eigentlich sicher bin, dass ich nichts dem Anlass Entsprechendes finden werde, mich mit der zukünftigen Braut und anderen Freundinnen, ob an der Hochzeit anwesend oder nicht, absprechen. Auf Flohmärkten herumstreunern, Kataloge bestellen und dann wälzen, alle europäischen Internetseiten, die mit Mode zu tun haben, unter die Lupe nehmen und probeweise kaufen. (Natürlich nicht ganz ernst gemeint.) Aber dazu hat man eigentlich keine Zeit, nicht einmal für die Hälfte. Gehe ich deshalb lieber gar nicht auf die Hochzeit? Oder lege ich mir zumindest ein Kleid zu, das hübsch ist, mir ganz gut steht und nicht Unsummen kostet?

So läuft das im Übrigen auch mit Postings und Blogeinträgen, um nur zwei weitere Beispiele für Taten im Alltag zu nennen. Aber das war ja nicht das Thema. Ein Satz noch zu Wahlen: Ich muss mir wirklich nochmal überlegen, ob ich meine Stimme für die Bundestagswahl von diesem einen Artikel in der ‚Zeit‘ abhängig mache…

Und mit dieser fabulösen Überleitung back to topic.

Einen Beitrag zur Verhinderung, dass ich eine immerwährende Lust verspürte, eine der Ausgaben aufzuschlagen, leistete und leistet die Zeitung per Definition. Eine Zeitung ist ausladend und instabil – da braucht man schon den richtigen Ort, um sich an sie heranzupirschen. Davor hatte ich Respekt – und vor der Zeitung an sich als Übermittler allgemeiner Bildung. Angekämpft habe ich dagegen mit dem Textmarker, um der Majestät ein wenig auf die Pelle zu rücken (und für die anstehenden Klausuren zu üben, zugegebenermaßen). Dass mir anschließend 90% des Textes neongelb oder -pink entgegenleuchteten, hielt mich nicht davon ab – eher die Tatsachen, dass nicht immer ein Marker zur Hand ist, die Farbe bei schnellen Bewegungen auch mal die eigene Hand verzieren kann und es eigentlich Verschwendung ist. Also doch nur den einen oder anderen Artikel bunt rangenommen.

Was ich auch nicht verschweigen darf, ist das Zeit-Magazin – wesentlich praktischer (per Definition, versteht sich), und das hatte ich auch etliche Zeit vor der Zeitung an sich durch, nicht nur aufgrund der Kürze, sondern wegen angedeuteter Handlichkeit, meist aufschlussreicheren Artikeln und schönen Fotografien, die auf dem Glanzpapier besser zur Geltung kamen. Besonders köstlich und das Highlight schlechthin: Martenstein. Seid so gut und werft einen Blick auf seine Internetpräsenz bei Zeit online, den Kolumnisten gibt es teils sogar als Videobotschafter. Ich bin verknallt in den alten Mann. XD Leider aber oft zu blöd für die Rätselecke. Die Sudokus (oder Sudoki? Auf jeden Fall der Sudoku-Plural) sind ja noch in Ordnung, auch noch die Logeleien à la ‚Wenn Rita gelbe Dreiecke für die Zukunft der Kunst hält und mit Nachnamen nicht Rübenstein heißt – welcher der drei Künstler ist für die Farbe Rot?‘, die mir in ihrer Art aus dem Lettermag (von Letternet) bekannt sind. Aber die Rechenlogeleien! Und ‚Lebensgeschichte‘! Und ‚Um die Ecke gedacht‘! Total krank. Ich muss nicht noch erwähnen, dass ich auch von Schach keine Ahnung hab, oder?

Was ebenfalls seinen Teil zur Unterhaltsamkeit des ‚Zeit‘-Magazins beiträgt, sind die Kennenlern-Anzeigen. (: Wohingegen mir der Hintergrund der durchgestrichenen Fotos bei der Gesellschaftskritik immer noch sonderbar schleierhaft ist, denn das Naheliegendste macht für mich keinen Sinn.

Die richtige Zeit-Ausgabe Nummer 27 habe ich nun übrigens schon fast komplett durch. Interessant fand ich ‚Warten auf den Störfall‘ (Nanotechnologie, die bisher noch kaum einer angezweifelt oder kritisiert hat – mit Erwähnung des Nanotrucks, der letztens auch bei uns an der Schule war und mir ein Dasein als Covergirl auf dem Lokalblatt beschert hat *kihihi*), ‚Das Duschklo‘ (Name = Programm… Toiletten, bei denen man auf das Klopapier verzichten könnte, da sie eine eingebaute Arschdusche besitzen, was ja viel hygienischer ist als das Papier, aber noch nicht ganz gründlich – ein Renner in Japan), ‚Klüger werden‘ (über den Bildungsstreik, wobei ich mittlerweile so viel darüber gelesen hab, dass mir schon der Kopf schwirrt, wenn ich nur an das Thema denke), ‚Das Kaufhaus muss bleiben!‘ (über möglicherweise verschwindende Karstädte und Kaufhöfe), ’60 Sekunden für… die Schönheit‘ (kein Wunder als Ästhetikerin, noch dazu, wenn Julie Delpy erwähnt wird… ‚Die Gräfin‘ will ich mir auch schon die ganze Zeit geben, wird aber wohl wieder eine DVD-Sache, weil der Film ja so gut wie ausgelaufen ist, was man sich jetzt besser nicht bildlich vorstellen sollte… zumal ein Auslaufen bei der Báthory ganz sicher blutrot ist), ‚Das Argument der Woche‘ (Autobahnbau, Nazis), ‚Knietief‘ (Michelle Obama im Salatgarten), ‚Ihnen ist egal, was wir denken‘ (halb gemarkert, Zensur im Netz – ein Duell zwischen Franziska Heine und Ursula von der Leyen, aber ich fühlte mich dem Standard und/ oder Informationsstand des Artikels ziemlich unterlegen; vielleicht war ich auch einfach unkonzentriert) und die Leitartikel ‚Wenn’s reicht, geht’s‘ (schwarzgrüne Koalition?) und ‚Hegel, hilf!‘ (Studium schneller und effizienter? Bei dem Thema quillen mir auch langsam die Ohren über, und es erinnert mich an das ‚Gymnasium-Special‘ der Ausgabe 26. Ich hab mich immer noch nicht entschlossen, ob ich elitär denken soll oder nicht). Das Feuilleton hat mir im Übrigen mal wieder vor Augen geführt, dass ich immer noch nicht für moderne Lyrik zu begeistern bin – die Hintergründe sind diesmal zwar greifbar, aber die Zeilen so ästhetikfrei, dass sich mir die Zehennägel hochrollen. Der ‚Wörterbericht‘ ist im Übrigen auch immer toll… Aus dem Artikel darüber, von ‚Finis‘, bin ich aber immer noch nicht schlau geworden. Es fehlt noch die Rubrik ‚Chancen‘, aber einen Aspekt daraus hab ich ja in Bezug auf die vorhergehende ‚Zeit‘-Ausgabe schon hier erwähnt. (:

Vielleicht sind die bearbeiteten Zeitungen auch ein Anreiz, endlich den kommunal erstellten ‚Tagespropheten‘ im Hogwartsplay mal voranzutreiben… Denn erstellt ist da noch gar nichts. Ich müsste mal wieder ein Wort über die Rubriken verlieren und Themen sammeln, natürlich auch Artikelschreiber. Zumindest hat das (noch!) keinen festen Redaktionsschluss und könnte sich auch über ein paar Jahre hinwegziehen…

Ach, erst hatte ich so eine riesige Ideenwolke im Kopf, und nun ist es doch nicht so vielfältig geworden, wie ich wollte. Wie deprimierend. Aber bei so vielen Einfällen, die ich beim Lesen der Zeit bekomme, kann ich eigentlich gar nicht jeden einzelnen im Kopf behalten, nicht einmal, wenn ich Stift und Papier neben mir gehabt hätte. Urteil: Kreativitätsfördernd!

Und: Ich muss wieder mehr arte gucken.

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